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|ak 711 | Wirtschaft & Soziales

Sanktionen und Sabotage

Ob mit oder ohne Klimaschutz: Die Öl- und Gasindustrie hat mittelfristig ein Nachfrageproblem

Von Monin

Ein historisches Illustration von einer Ölquelle in Aserbaidschan.
Zu viel ist auch nicht gut – dann sinkt der Weltmarktpreis: Ölquellen in Baku, Aserbaidschan Anfang des 19 Jahrhunderts. Foto: gemeinfrei

Die Stimmung am Pavillon der größten Gasexporteure auf der 29. Weltklimakonferenz in Baku im November letzten Jahres ist eigenartig unbekümmert. Auf der Bühne hat ein Vertreter der National Iranian Oil Company gerade erklärt, weshalb mehr fossiles Gas dringend notwendig für die Bekämpfung des Hungers auf der Welt sei. So ganz scheint er sich das allerdings nicht einmal selbst zu glauben; schließlich macht die Herstellung von Dünger nicht einmal drei Prozent des globalen Gasverbrauchs aus. Einige Meter weiter, am saudischen Pavillon, erläutert ein Ingenieur, wie das Königreich in Zukunft grünen Treibstoff aus Kohlendioxid synthetisieren will. Auch er räumt auf Nachfrage schnell ein, dass dieses Verfahren physikalisch und wirtschaftlich so unsinnig ist, dass es wohl niemals wirklich durchgeführt werden wird. Wenn das Greenwashing sein soll, dann gibt sich das fossile Kapital in Baku erstaunlich wenig Mühe dabei. Warum auch? 

Im Wesentlichen ist man sich einig mit den angereisten Aktivist*innen: Von der gegenwärtigen Klimapolitik, und speziell von der Konferenz im Petrostaat Aserbaidschan (ak 708), hat die Öl- und Gasindustrie nicht viel zu befürchten. Klimaschutz bedeutet für Öl- und Gaskonzerne nämlich nicht, weniger Öl und Gas zu fördern. Es bedeutet bloß, bei der Förderung weniger Treibhausgase auszustoßen. Deshalb versuchen die meisten Firmen mittlerweile, ihr überschüssiges Gas nicht mehr einfach zu verbrennen, die Löcher in ihren Pipelines zu flicken und ein paar Solarzellen auf ihre Bohrtürme zu schrauben. 

Grob die Hälfte aller Treibhausgase in der Atmosphäre stammen allerdings aus der Verbrennung – nicht der Förderung – von Öl und Gas. Um die Pariser Klimaziele einzuhalten, müssten deshalb 60 Prozent aller bisher bekannten Öl- und Gasreserven im Boden bleiben. Doch es werden jedes Jahr Hunderte Milliarden Dollar für die Suche nach neuen Vorkommen ausgegeben – Tendenz steigend. Dabei sind die bekannten börsennotierten Firmen wie Shell, Total oder BP noch relativ zurückhaltend. Besonders aggressiv expandieren die staatlichen Energiekonzerne Chinas, Russlands, Brasiliens und der Staaten am Persischen Golf. Länder wie Guyana oder Namibia, wo die transnationalen Ölfirmen besonders günstige Konzessionen ergattern konnten, steigen sogar erstmals in die Förderung ein. Selbst vor der Nordseeinsel Borkum wird wohl nach Gas gebohrt. Doch genau diese unbekümmerte Expansion könnte für die Industrie bald zum Problem werden. 

Eine Überproduktionskrise droht

Jahrzehntelang trieb Energiepolitiker*innen die Angst vor »peak oil« um, also vor dem Zeitpunkt, ab dem das Angebot von Erdöl aufgrund erschöpfter Vorkommen abnehmen würde. Diese Angst stellte sich immer wieder als unbegründet heraus. Stattdessen deutet sich nun das gegenteilige Problem an, nämlich »peak oil demand«: Die weltweite Nachfrage könnte bald ihren Höhepunkt erreichen. Zwar prognostiziert die (in dieser Frage nicht ganz unparteiische) Organisation der ölexportierenden Staaten OPEC bis 2050 ein Nachfragewachstum von 17 Prozent für Öl und 20 Prozent für Gas. Die meisten Analysen gehen aber mittlerweile davon aus, dass der globale Verbrauch von Öl und Gas spätestens ab 2030 sinken wird. Das hat weniger mit Klimapolitik zu tun als mit Industriepolitik, konkret vor allem mit günstigen E-Autos und Solarzellen aus China. Würden alle angekündigten Klimaziele umgesetzt, dürfte sich die Öl- und Gasnachfrage bis 2050 sogar halbieren. In einem Paris-kompatiblen Szenario fiele sie auf lediglich ein Viertel; Öl und Gas würden dann fast nur noch zur Herstellung von Kunststoffen verwendet (und eben für Dünger). Und diese Schätzungen berücksichtigen bisher nicht, dass das globale Wirtschaftswachstum selbst einbrechen könnte – nicht zuletzt durch die Auswirkungen des Klimakollaps. 

Klimaschutz bedeutet für Öl- und Gaskonzerne, ein paar Solarzellen auf ihre Bohrtürme zu schrauben.

Ob mit oder ohne Klimaschutz: Die Industrie hat mittelfristig höchstwahrscheinlich ein Nachfrageproblem. Investitionen in neue Öl- und Gasfelder rechnen sich meist nur über eine Laufzeit von zehn bis 20 Jahren. Und über diesen Zeitraum, das räumen in Baku viele ein, könnten sich die Preise auf einem Niveau von unter 50 US-Dollar pro Barrel stabilisieren. In diesem Fall würde sich laut einer Studie des Natural Resource Governance Institute ein großer Teil der aktuellen Investitionen nicht mehr rentieren; in Ländern mit relativ hohen Produktionskosten wie Nigeria, Mexiko, Russland, Kasachstan oder auch Aserbaidschan betrifft das sogar mehr als die Hälfte der Investitionen. Für viele dieser Länder, deren Staatshaushalt zum größten Teil aus Öl- und Gaseinnahmen besteht, wäre das eine existenzielle Bedrohung. Der Öl- und Gasindustrie droht also eine gewaltige Überproduktionskrise.

Künstliche Schaffung von Knappheit

Drohende Überproduktion ist kein neues Phänomen im fossilen Kapitalismus, der sich immer im Spannungsfeld zwischen zwei Polen bewegt: Einerseits ist die kapitalistische Wirtschaft auf billiges Öl und Gas als Energie- und Rohstoffquelle angewiesen. In ihren Bemühungen um »Energiesicherheit« treiben die meisten Staaten deshalb gleichzeitig den Ausbau von Erneuerbaren und von fossilen Energieträgern voran. (ak 681) Andererseits ist es für die Öl- und Gasindustrie als ganze überlebenswichtig, dass nicht zu viel Energie auf den Markt gelangt. Güter müssen schließlich knapp bleiben, wenn sie profitabel verkauft werden sollen. Würden alle bekannten Öl- und Gasreserven auf einmal gefördert, lägen die Preise pro Barrel wohl nahe null – oder sogar darunter, wie kurzzeitig in der Pandemie. (ak 660) Auch wenn jedes einzelne Unternehmen also gerne mehr Öl und Gas fördern würde, ist es im kollektiven Interesse der Industrie, dass ein großer Teil aller bekannten Reserven im Boden bleibt.

Tatsächlich hat die Industrie genau das selbst über lange Zeit erfolgreich sichergestellt. Wie etwa der Historiker Timothy Mitchell gezeigt hat, wurde die Knappheit von Energie durch verschiedene Praktiken künstlich hergestellt, die er als »Sabotage« bezeichnet. Im Zeitalter der Kohle waren es noch vorrangig die Arbeiter*innen, die durch Streiks und Sabotage ganze Wirtschaftszweige lahmlegen konnten. Historisch sind die Öl- und Gasfirmen aber eher anfällig für Sabotage »von oben«, also durch andere Unternehmen und Staaten. So bildeten in den 1920er Jahren die großen privaten US-amerikanischen und europäischen Ölfirmen ein Kartell, um zu verhindern, dass insbesondere in der Golfregion zu viele neue Vorkommen erschlossen wurden. Die Suche nach irakischem Öl etwa wurde jahrzehntelang aktiv verzögert, und zwar von den Ölkonzernen selbst.

In den 1970er Jahren waren es die OPEC-Staaten, die durch Verstaatlichung und Verknappung von Öl einen der größten friedlichen Vermögenstransfers der Geschichte organisierten. Zwar liegen nach wie vor zwischen 70 und 80 Prozent aller Reserven in OPEC-Staaten, und die Tatsache, dass sie sich immer noch dort befinden und nicht in der Erdatmosphäre, macht diese durch und durch fossile Organisation wohl zu einem der effektivsten Klimaschützer der jüngeren Geschichte. 

Ein Großteil der bekannten Ölreserven wird wohl im Boden bleiben, weil ihre Förderung nicht profitabel sein wird.

Allerdings hat die OPEC durch den Aufstieg neuer Produzenten im postsowjetischen Raum, am Golf von Guinea, in Latein- und vor allem in Nordamerika seit den 1980er Jahren ihre Fähigkeit verloren, die globalen Ölpreise langfristig zu steuern. Und für den fragmentierten Gasmarkt gibt es nicht einmal ein OPEC-Äquivalent, wie die Gasexporteure in Baku bedauern. Vielleicht waren die führenden OPEC-Staaten zuletzt auch deshalb vor allem damit beschäftigt, die Nachfrageseite der Energiewende zu sabotieren. Ein besonders bizarres Beispiel dafür lieferte Gastgeber Aserbaidschan am letzten Tag der Klimakonferenz: Es teilte die Bearbeitungsrechte für die PDFs mit den Entwürfen der Beschlüsse ausgerechnet mit der Delegation aus Saudi-Arabien, die prompt unliebsame Absätze entfernte.

Wer kann die Preise stabilisieren?

Die Rolle des globalen Preisstabilisators spielten in den letzten Jahrzehnten noch am ehesten die USA. Nicht nur, dass es vor allem die Frackingfelder Nordamerikas sind, die bei hohen Weltmarktpreisen zusätzliches Angebot schaffen. Vor allem haben US-Sanktionen wesentlich dazu beigetragen, einen Teil der riesigen Öl- und Gasvorkommen Libyens, Venezuelas, Irans und zuletzt Russlands aus dem Markt zu halten – ein klarer Fall von Sabotage, findet zumindest der Vertreter der National Iranian Oil Company. 

Rund ein Drittel aller bekannten Öl- und Gasreserven liegen in diesen vier Ländern. Ohne den sanktionsbedingten Mangel an Technologie und Kapital wären diese Reserven wohl früher oder später auf dem Markt gelandet und hätten die Preise stark nach unten gedrückt. Vielleicht fallen die Sanktionen auch deshalb zeitlich mit dem Aufstieg der USA zum größten Öl- und Gasproduzenten zusammen. Mittlerweile sind die iranische und die russische Produktion jedoch weitgehend »immun« gegen westliche Sanktionen, wie ein Ökonom in Baku es ausdrückt. Und dem neuen US-Präsidenten Donald Trump dürfte es vorwiegend darum gehen, die Expansion der US-Industrie weiter zu befeuern. Dabei würde er wohl auch niedrigere Preise in Kauf nehmen – auch weil diese helfen könnten, Russland an den Verhandlungstisch zu bewegen.

Andere Formen von staatlicher Sabotage sind offensichtlicher: Auch vor den entsprechenden Diskussionen in der Klimabewegung wurden gelegentlich Pipelines in die Luft gejagt – und zwar lange vor Nord Stream 2. In Baku etwa erzählt der Vertreter eines zentralasiatischen Staates von der mysteriösen Explosion einer turkmenischen Pipeline im Jahr 2009, die der Region einen Zugang zum europäischen Markt außerhalb russischer Kontrolle verschafft hätten. Diese sei ein Grund dafür, dass etwa Turkmenistan sein Gas ausschließlich an China verkaufen könne und daher nicht seine vollen Produktionskapazitäten ausschöpfe. 

Wessen Ressourcen bleiben im Boden? 

Und schließlich gibt es immer noch Sabotage »von unten«, etwa im Niger-Delta, aus dem Shell sich angesichts jahrzehntelanger lokaler Konflikte und Sabotageakte nun zurückzieht. In Libyen waren es neben den Bürgerkriegsparteien zuletzt auch streikende Arbeiter*innen, die einige Ölquellen aus dem Verkehr zogen. Und Kolumbien will unter dem linken Präsiden Gustavo Petro nicht zuletzt deshalb als einziges Land der Welt aus der Ölförderung aussteigen, weil diese in einigen Teilen des Landes aufgrund von lokaler Sabotage durch Drogenkartelle und Paramilitärs, aber auch dank des Widerstandes indigener Gemeinschaften riskant und teuer geworden ist.

Doch global betrachtet reichen all diese Formen von Sabotage bislang nicht aus, um das Angebot an Öl und Gas nennenswert zu verknappen. Ausgerechnet in diesem historischen Moment, in dem die Nachfrage wohl erstmals sinkt, herrscht auf dem Markt maximale Anarchie. Es fehlt ein Akteur vom Kaliber der alten Kartelle. Das stellt jegliche progressive Energie- und Klimapolitik vor ein neues Problem. Bisher zielt diese insbesondere auf die Nachfrage nach fossiler Energie. Nun zeigt sie erste Erfolge, doch die Produktionskapazitäten für Öl und Gas sind weiter gewachsen und werden die Nachfrage wohl bald übersteigen. Ein großer Teil aller bekannten Reserven wird also höchstwahrscheinlich im Boden bleiben – nicht, weil ihre Eigentümer den Klimakollaps verhindern wollen, sondern weil ihre Förderung nicht profitabel sein wird. Das wirft die simple Frage auf, wessen Reserven dies sein werden und wo diese liegen werden. Und diese Frage könnte zu einer der wichtigsten geopolitischen Probleme der näheren Zukunft werden. Zurzeit gibt es niemanden, der auf halbwegs koordinierte Weise den Expansionsdrang der Öl- und Gasindustrie bremsen, geschweige denn einen möglichen Rückbau organisieren könnte. Irgendjemand, dieser Eindruck drängt sich in Baku jedenfalls auf, muss das fossile Kapital dringend vor sich selbst schützen.

Monin

forscht zur Politischen Ökonomie staatlicher Öl- und Gaskonzerne. Um seine laufende Feldforschung nicht zu sabotieren, schreibt er hier unter einem Pseudonym.