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|ak 711 | Lesen |Rezensionen: aufgeblättert

SED-Kader

Aufgeblättert: »Walter Ulbricht« von Ilko-Sascha Kowalczuk

Von Sebastian Klauke

In dieser Biografie beschreibt der Historiker Ilko-Sascha Kowalczuk als führenden Politiker im SED-Staat. Erneut werden Falschdarstellungen und Übertreibungen früherer Veröffentlichungen kritisiert und korrigiert, offene Fragen klar benannt und eigene Wertungen des Autors transparent als solche markiert. Der Band ist zugleich ein tief reichender Beitrag zur Geschichte der DDR und der SED und bietet einen Einblick in das Innenleben ihres politischen Führungspersonals, die politisch-ideologischen Kämpfe, das Ringen um die sozialistische Geschichte und ihrer Deutung. Der Mensch Ulbricht verschwindet dabei bisweilen hinter den in vielen Belangen auch bürokratischen Vorgängen. Er war ein machtbewusster Workaholic, der sich mit allen Details der von ihm maßgeblich mitgestalteten neuen Gesellschaft auseinandersetzte, bis hin zu Fragen von »korrekter« Wissenschaft, Architektur und Kunst. Überraschend ist, dass er an bestimmten Punkten die offene, ungefilterte Kritik suchte, die ihm einen Einblick in die Bedürfnisse und Lebenslage der Menschen verschaffte und ihn mit den Widersprüchen von Anspruch und Wirklichkeit seiner Politik konfrontierte – ein großer Unterschied zu seinem Nachfolger. Wer sich mit der Geschichte sozialistischen Denkens und Politik im 20. Jahrhundert und ihren Folgen bis in unsere Gegenwart auseinandersetzt, kommt an diesem Werk nicht vorbei.

Ilko-Sascha Kowalczuk: Walter Ulbricht. Der kommunistische Diktator (1945-1973). C. H. Beck, München 2024. 956 Seiten, 58 EUR.