Ein neuer Hebel gegen Amazon?
Die US-Transportgewerkschaft Teamsters führt einen der bislang größten Streiks in der Geschichte des Konzerns
Von Jörn Boewe

New York City, Mitte Dezember 2024: Hunderte Beschäftigte haben sich vor einem Amazon-Lagerhaus versammelt. »Wir sind keine Maschinen!«, steht auf einem der Transparente. Es ist der Auftakt eines der bislang größten Streiks in der Geschichte des Tech-Giganten. Organisiert von der Transportarbeiter*innengewerkschaft International Brotherhood of Teamsters, stellt der Streik nicht nur Amazon, sondern auch die gesamte Arbeitswelt der USA vor grundlegende Fragen: Wie viel Macht haben Arbeiter*innen in einer zunehmend von Subunternehmermodellen, digitalen Algorithmen und prekären Beschäftigungsverhältnissen geprägten Wirtschaft?
Amazon ist für seine rigide Haltung gegenüber Gewerkschaften bekannt. Das Unternehmen hat wiederholt Anti-Gewerkschaftskampagnen gefahren, um die Organisierung seiner Belegschaft zu verhindern. Laut Berichten von US News investiert Amazon jährlich Millionen in Berater*innen, die sich darauf spezialisiert haben, gewerkschaftliche Bemühungen zu neutralisieren, also professionelle Union Buster.
Besonders das von Amazon entwickelte Modell der Delivery Service Partners (DSPs), jener Subunternehmen, die den Transport der Waren auf der »letzten Meile« bis zur Haustür abwickeln, steht seit Jahren in der Kritik. Bereits 2021 wiesen die Teamsters darauf hin, dass dieses System dazu dient, Verantwortung und Kosten auf kleinere Subunternehmen abzuwälzen. Heute steht genau diese Praxis im Zentrum des Arbeitskampfes.
Die Teamsters erkannten, dass die Organisierung der Fahrer*innen auf der letzten Meile ein entscheidender Ansatzpunkt ist, um Druck auf Amazon auszuüben.
Im Mittelpunkt des aktuellen Konflikts stehen die Arbeitsbedingungen und Löhne. Die Teamsters fordern, dass Amazon-Lieferfahrer*innen als direkte Angestellte des Konzerns anerkannt werden und nicht länger als Subunternehmer*innen arbeiten. »Das DSP-System gibt Amazon die Kontrolle, ohne die Verantwortung zu tragen«, erklärte mir ein Gewerkschaftsvertreter bereits vor Jahren. Diese Kritik hat bis heute nichts an Aktualität verloren.
Darüber hinaus verlangen die Streikenden eine deutliche Lohnerhöhung, um der steigenden Inflation und den hohen Lebenshaltungskosten beizukommen. »Wir liefern für Amazon, tragen ihre Uniform und fahren ihre Wagen. Aber sie weigern sich, uns als Teil ihres Unternehmens zu sehen«, erklärte ein Streikender in Atlanta.
Haben die Streiks gewirkt?
Am 19. Dezember 2024 riefen die Teamsters den Streik aus. Nach Gewerkschaftsangaben beteiligten sich etwa 10.000 Arbeiter*innen an den Arbeitsniederlegungen in sieben Städten, darunter New York, Atlanta, San Francisco und Chicago. Amazon hingegen betonte, dass der Anteil der streikenden Mitarbeiter*innen weniger als ein Prozent der US-Belegschaft ausmache, und erklärte, dass der Lieferbetrieb nicht beeinträchtigt werde.
Unabhängige Beobachter*innen wiesen darauf hin, dass die Streiks, obwohl sie nur einen kleinen Teil der Belegschaft betreffen, aufgrund ihres Zeitpunkts – unmittelbar vor Weihnachten – wohl dennoch relevante Auswirkungen auf die Lieferkette hatten. Einige Expert*innen schätzten, dass Kund*innen in betroffenen Gebieten mit Lieferverzögerungen von ein bis drei Tagen rechnen mussten.
Wie auch in Deutschland im mittlerweile zwölf Jahre andauernden Konflikt mit ver.di weigert sich Amazon in den USA, mit Gewerkschaften zu verhandeln. Immer noch kann es sich der Konzern leisten, die Legitimität der Gewerkschaftsansprüche infrage zu stellen. Auch die Teamsters haben daran bislang nichts ändern können, doch die öffentliche Aufmerksamkeit für die Arbeitsbedingungen bei Amazon nimmt weiter zu.
Die Strategie der Teamsters
Die heutigen Streiks sind das Ergebnis einer strategischen Vorbereitung, die bereits vor Jahren begann. Die Teamsters erkannten früh, dass die Organisierung von »Last-Mile«-Fahrer*innen ein entscheidender Hebelpunkt ist, um Druck auf Amazon auszuüben. Bereits 2021 investierte die Gewerkschaft massiv in die Ausbildung von Organizer*innen und setzte auf eine breite Mobilisierung. Dabei wurde besonders die Koordination zwischen Lagerarbeiter*innen und Fahrer*innen als entscheidend identifiziert, da diese beiden Gruppen an Schlüsselstellen der Lieferkette stehen. (ak 704)
Ein weiterer Kernpunkt der Strategie ist der umfassende Ansatz, der alle Aspekte von Amazons Geschäftstätigkeit betrachtet. Neben der internen Organisierung setzen die Teamsters auf Allianzen mit anderen Gewerkschaften, zivilgesellschaftlichen Organisationen und lokalen Gemeinschaften. Dieser Ansatz ermöglicht es, den Druck auf Amazon durch breite gesellschaftliche Unterstützung zu verstärken.
Die Ereignisse bei Amazon sind Teil einer wachsenden Streikwelle in den USA. Auch bei Starbucks und anderen Unternehmen kam es in den vergangenen Monaten zu Arbeitskämpfen. Manche Beobachter*innen sehen darin eine Wiederbelebung der Gewerkschaftsbewegung, die in den USA lange Zeit stagnierte. Vieles spricht dafür, dass sich eine Generation von Arbeiter*innen nicht länger mit schlechten Bedingungen abfinden will und kollektive Aktionen als Weg zur Verbesserung der Situation ansieht. Wenn diese Dynamik Fahrt aufnimmt, hat sie womöglich das Potenzial, die Machtverhältnisse zwischen Arbeit und Kapital in den USA nachhaltig zu verändern.
Ob die Teamsters und die Streikenden ihre Forderungen mittelfristig durchsetzen können, bleibt ungewiss. Die Gewerkschaft hat jedoch bereits angekündigt, dass dieser Streik nur der Anfang ist. »Unsere Mitglieder sind entschlossener denn je. Wir haben gezeigt, dass wir Amazon auch in der hektischsten Zeit des Jahres unter Druck setzen können«, erklärte ein Gewerkschaftssprecher. Der Arbeitskampf soll ausgeweitet werden, falls Amazon Verhandlungen weiter verweigert.
Was kommt als Nächstes?
Auch politische und rechtliche Initiativen könnten in Zukunft eine Rolle spielen. Die Teamsters setzen sich auf Bundesebene für eine Reform der Arbeitsgesetze ein, darunter der sogenannte PRO Act, der es Arbeiter*innen erleichtern würde, Gewerkschaften zu gründen und kollektive Verhandlungen zu führen.
Internationale Perspektiven könnten ebenfalls an Bedeutung gewinnen. In Ländern wie Italien oder Frankreich haben Gewerkschaften bereits Erfolge gegen Amazon erzielt, indem sie landesweite Streiks und Druck auf politischer Ebene kombinierten. Ein ähnlicher Ansatz könnte auch in den USA verfolgt werden, insbesondere durch die Zusammenarbeit mit internationalen Gewerkschaften wie der Internationalen Transportarbeiterföderation ITF und der internationalen Dienstleistungsgewerkschaft UNI Global Union.
Nicht zuletzt spielt die öffentliche Wahrnehmung eine entscheidende Rolle. Während der aktuelle Streik zwar nur einen Bruchteil der Amazon-Belegschaft betrifft, richtet sich das Augenmerk von Medien und Verbraucher*innen zunehmend auf die Arbeitsbedingungen beim Tech-Giganten. Sollte sich Amazon weiter stur stellen, könnten negative Schlagzeilen und ein wachsender Druck von Seiten der Öffentlichkeit dazu führen, dass das Unternehmen seine Haltung überdenken muss.
Insgesamt zeigt sich, dass die Teamsters eine langfristige Strategie verfolgen, die weit über kurzfristige Arbeitsniederlegungen hinausgeht. Ihr Ziel ist es, ein neues Gleichgewicht in der Beziehung zwischen Arbeiter*innen und einem der mächtigsten Unternehmen der Welt zu schaffen. Die kommenden Monate könnten daher entscheidend sein – nicht nur für die Beschäftigten bei Amazon, sondern auch für die Zukunft der Arbeitswelt in der weltweiten Logistikbranche.