Den Tag danach vorbereiten
Während sich die Lage im mexikanischen Chiapas zuspitzt, geht die EZLN in die Offensive und zeigt eine lokale und planetare Perspektive auf
Von Felix Krawczyk

Sie wollten »die Pyramide auf den Kopf stellen« und so ihre Autonomie an die sich verschärfende Lage in Chiapas im Südosten Mexikos anpassen. Das hat vor gut einem Jahr die EZLN, die Zapatistische Armee der Nationalen Befreiung, verkündet und eine Neustrukturierung der Autonomie ihrer Gemeinden verkündet. (ak 699) Seitdem hat sich einiges getan: Nicht nur hat sich die Situation in Chiapas durch Androhungen von Vertreibungen weiter zugespitzt, auch haben die zapatistischen Gemeinden eine Art Lösungsvorschlag unterbreitet – der unter dem Stichwort »das Gemeinschaftliche und das Nicht-Eigentum« firmiert. Bei diesem politischen Vorschlag der EZLN geht es nicht nur um die Situation in Chiapas, sondern um den ganzen Planeten.
Akut richtet sich der zapatistische Kampf gegen Drohungen, die zapatistischen Unterstützungsbasen der autonomen Gemeinde 6 de Octubre, in der Nähe des Caracol 9 Nuevo Jerusalén (offizieller Landkreis Ocosingo), gewaltsam zu vertreiben. Diese Drohungen kommen aus der benachbarten Gemeinde Palestina, mit der die Zapatistas seit 30 Jahren friedlich zusammengelebt haben. Bewohner*innen von Palestina haben angegeben, dass es Druck des organisierten Verbrechens gebe, die Einwohnenden der zapatistischen Gemeinde zu vertreiben. Dieses wolle sich so das seit dem zapatistischen Aufstand von 1. Januar 1994 verlorene Land wieder aneignen, um es zu kapitalisieren. Die offizielle lokale Regierung habe zugesagt, diese Vertreibung rechtlich abzusichern.
Dieser Fall gibt einen guten Einblick in das Konglomerat aus Regierung und organisiertem Verbrechen, mit dem die Zapatistas und andere autonome Gemeinden in Chiapas zu kämpfen haben. Laut des renommierten Menschenrechtszentrums Fray Bartolomé de Las Casas (Frayba) werden jedes Jahr Tausende Menschen in Chiapas gewaltsam vertrieben. Zuletzt haben diese Auseinandersetzungen auch die historische Hauptstadt von Chiapas, San Cristóbal de las Casas, erreicht. Im Oktober letzten Jahres wurde dort der Pater Marcelo ermordet. Dieser hatte über 20 Jahre für die Rechte der indigenen Gemeinden gekämpft und kurz vor seiner Ermordung die sich seit der Corona-Pandemie ausbreitende Gewalt durch die rivalisierenden Kartelle angeprangert.
Für das Leben, gegen den Kapitalismus
Der von der EZLN präsentierte Lösungsvorschlag geht indes weit über die Situation in Chiapas hinaus. Der Kapitalismus stellt für die Zapatistas angesichts der sich global verschärfenden Krisen die Negation des Lebens dar. Die Menschheit von unten und links befinde sich somit in einem Kampf für das Leben. Dabei dränge der Kapitalismus Zapatistas, wie die Menschheit und den gesamten Planeten, immer weiter in Richtung Abgrund.
Eine große Gefahr besteht darin, dass der Kapitalismus weiter demobilisiert und fragmentiert. Denn der Kapitalismus führt nicht nur strukturell zu Vereinzelung, sondern nimmt uns auch Stück für Stück die Perspektive darüber hinaus. Das zeigt sich vor allem darin, dass der Menschheit im Hinblick auf die Klimakrise die Zeit für eine tiefgreifende gesellschaftliche Veränderung davonläuft. Dies kann auch zu Perspektivlosigkeit führen, wie sich in den letzten Jahren an einer fortschreitenden Demobilisierung der Klimagerechtigkeitsbewegungen in Europa gezeigt hat.
Die EZLN setzt dem eine politisch-ökonomisch-soziale Alternative entgegen: Ende letzten Jahres hat sie erneut und aktualisiert die Bedeutung des Gemeinschaftlichen und des Nicht-Eigentums unterstrichen. Diese sollen nicht nur als materielle Mittel im Kampf gegen den Kapitalismus dienen, sondern auch den »Tag Danach« – also die Zeit nach einem möglichen Zusammenbruch des kapitalistischen Systems – vorbereiten. Dabei handelt es sich nicht um abstrakte Theorien, sondern um gelebte Erfahrungen des Widerstands, die in der Geschichte(n) der Maya-Pueblos wurzeln. Die Maya haben in ihrer Geschichte bereits große Transformationen und Krisen überstanden.
Es geht nicht um abstrakte Theorien, sondern um gelebte Erfahrungen des Widerstands.
So führte der Kollaps der hierarchisch strukturierten Maya-Zivilisation um 900 n. Chr. in vielen Regionen zu einer Dezentralisierung und einem stärkeren Fokus auf gemeinschaftliche Organisationen. Nichtsdestotrotz ist das Gemeinschaftliche keine Erfindung der Zapatistas, sondern eine universelle menschliche Erfahrung.
Mexiko blickt auf eine lange Geschichte gemeinschaftlich organisierten Eigentums zurück und gehört zu den wenigen Ländern, die dafür mit den Ejidos eine eigene Rechtsform haben. Diese sind ein Ergebnis der Mexikanischen Revolution von 1910 und waren ein Zugeständnis an die kämpfenden Bäuer*innen und Indigenen. Gleichwohl sind diese de facto eine Einschränkung der historischen kommunalen Landrechte indigener Gemeinden. Die Ejidos sind eine Art Nutzungsrecht, das vom Staat vergeben wird, und konnten bis 1992 nicht in Privateigentum überführt werden. Eine entsprechende Verfassungsänderung von 1992 und das damit in Verbindung stehende Freihandelsabkommen NAFTA waren Gründe, die zum zapatistischen Aufstand vom 1. Januar 1994 führten.
»Land ohne Papiere«
Daher sehen die Zapatistas dieses durch ihren Aufstand wiedergewonnene Land als Nicht-Eigentum an: Sie schlagen vor: »Flächen von wiedergewonnenem Land als gemeinschaftliche einzurichten. Das heißt, ohne Eigentum[stitel]. Weder privat noch als Ejido-Gemeindeland, weder kommunaler noch staatlicher, bundesstaatlicher oder unternehmerischer Besitz. Nichts davon. Ein Nicht-Eigentum von Land. Wie so schön gesagt wird: ›Land ohne Papiere‹. Somit, wenn auf diesen noch zu bestimmenden Ländereien gefragt wird, wem dieses Land oder wer der Eigentümer ist, nun, dann wird geantwortet: ›Es ist Land von keinem*keiner‹, das heißt, ›es ist gemeinschaftlich‹.« (1)
Konkret: Im Zuge des Aufstands von 1994 wiedergewonnenes Land soll weiterhin gemeinschaftlich eingerichtet werden, jetzt jedoch nicht nur für die zapatistischen autonomen Gemeinden, sondern auch für Parteianhänger*innen. Dazu müssen sie sich vorher mit den zapatistischen autonomen lokalen Regierungen (GAL) darüber verständigen, dass dieses Land kollektiv genutzt wird und nicht kapitalisiert werden darf. So könne das Gemeinschaftliche zwischen ihnen aufgebaut und solidarische Beziehungsweisen jenseits von Staat und Kapital geschaffen werden. Diese von einigen zapatistischen autonomen Gemeinden schon lange praktizierte Verwendung von wiedergewonnenem Land soll nun ausgeweitet werden. Zudem laden die Zapatistas auch Internationalist*innen dazu ein, einige Flächen des Landes kollektiv zu bearbeiten.
Das Gemeinschaftliche bezieht sich dabei nicht nur auf die landwirtschaftliche Arbeit, sondern auf alle Lebensbereiche. Es kann je nach Kontext, ob Stadt oder Land, Globaler Norden oder Süden, unterschiedliche Formen annehmen, »sich in Vielfalt gemeinsam ausrichten«. Das Gemeinschaftliche soll darüber hinaus nicht auf lokale Gemeinschaften beschränkt sein, sondern im Sinne der »Reise für das Leben« auch durch einen praktischen Austausch über Kämpfe, Ideen, Erfahrungen und Analysen, über nationale Grenzen hinweg, stattfinden. Inwiefern der Prozess des Gemeinschaftlichen mit dem verbreiteten Begriff des Commoning (Gemeinschaffen) zusammenfällt, ist bisher nicht ganz klar. Es bleibt abzuwarten, worin die Zapatistas das Gemeinschaftliche noch weiter begründen werden.
Ende 2024 luden die Zapatistas dazu ein, sich verstärkt mit dem »Tag Danach« auseinanderzusetzen – mit der Zeit nach dem Kollaps des kapitalistischen Systems. Dieser Diskussions- und Analyseprozess wird nicht nur die Vorbereitung auf die mögliche Zukunft umfassen, sondern auch die aktive kollektive Gestaltung einer Welt, die es bereits jetzt wie auch danach zu schaffen gilt.
Im Dezember 2024 fanden dazu erste »Internationale Treffen des Widerstands und der Rebellionen« in Chiapas statt, weitere sind für die kommenden zwei Jahre geplant. Trotz der schwierigen Sicherheitslage in Chiapas konnten diese Veranstaltungen stattfinden – ein starkes Signal für den Willen zu globaler Organisierung und Widerstand.
Anmerkung:
1) Die EZLN erklärte ihren politischen Vorschlag im Comunicado »Zwanzigster und letzter Teil: Das Gemeinschaftliche und das Nicht-Eigentum«. Zu finden auf: enlacezapatista.ezln.org.mx. Die deutsche Übersetzung der gesamten Kommuniqué-Serie ist im April 2024 auch als Buch im Immergrün Verlag erschienen: EZLN/ Pueblos Zapatistas:
30/40 Jahre EZLN: »Das Gemeinschaftliche und das Nicht-Eigentum«.