Funktioniert das? Bossnapping
Von Bernard Schmid

Mittlerweile haben auch gewitzte Unternehmen die Methode für sich entdeckt, und in ihre Managementmethoden eingebaut. Im Falle des westfranzösischen Eventveranstalters Grand Ouest Evénement wurde 2022 die Entführung des Chefs, Bossnapping genannt, vom Arbeitgeber selbst geplant und drei Wochen lang minutiös vorbereitet. Die abhängig Beschäftigten nahmen daraufhin an einer Art Schnitzeljagd teil und mussten Antworten auf Rätselaufgaben finden, zum Anschein, um ihren Chef wieder freizubekommen. So lauteten die Spielregeln. Hand aufs Herz: Würdest du erfolgreich Rätsel lösen und sonstige Anstrengungen unternehmen, um deinen Boss freizubekommen?
Umgekehrt wird schon eher ein Schuh draus: Die von englischsprachigen Medien Bossnappinggetaufte Praxis, die darin besteht, Führungskräfte von Unternehmen vorübergehend festzusetzen, in ihren Büros einzusperren oder ihre Räume von außen zu verbarrikadieren, hatte sich in Frankreich im Verlauf der Finanz- und darauffolgenden Weltwirtschaftskrise von 2008/09 ausgebreitet. Die beiden Hauptgründe, die zu einer Welle solcher Aktionen führte, lagen einerseits in der Verzweiflung von Belegschaften, denen Kündigungslisten im Rahmen betriebsbedingter Massenentlassungen verkündet oder deren Arbeitsstätten ganz geschlossen wurden – und andererseits in der damaligen relativen Passivität der französischen Gewerkschaften.
Die beiden stärksten Lohnabhängigenverbände, die sozialdemokratisch geprägte CFDT wie auch die linkere CGT, hielten damals gegenüber den Plänen von Regierung und Kapital weitgehend still. Zwar brachten sie Mitte Januar und Ende März 2009 zweimal Millionen Menschen zu Demonstrationen zusammen, darüber hinaus unternahmen sie jedoch keinerlei konkrete Initiativen, um aus diesem Kräfteverhältnis etwas zu machen und in die Krisenpolitik einzugreifen: Nach den Demos wurden die Teilnehmenden ohne weitere Ergebnisse nach Hause geschickt; vor Ort in den Städten und Unternehmen gab es kaum Aktivitäten.
Das hatte Gründe. Einer war, dass unter dem seinerzeitigen Präsidenten Nicolas Sarkozy mit dem Gesetz vom 20. August 2008 die Regeln für die gewerkschaftliche représentativité (was ungefähr so viel bedeutet wie Tariffähigkeit, also die Vertretungsbefugnis für die Beschäftigten) verändert wurde. Das neue Regelwerk begünstigte die stärksten Dachverbände, CGT und CFDT, auf Kosten der zuvor gesetzlich begünstigten, kleineren und oft besonders gemäßigten Konkurrenzgewerkschaften christlicher oder anderer Provenienz. Das war es der CGT wert, den Ball gegenüber den Regierenden flach zu halten.
Im Januar 2014 konstatierte das US-amerikanische Magazin Businessweek, Bossnapping sei »oft eine Verhandlungsstrategie, die sich auszahlt«.
Vor diesem Hintergrund brachen sich »soziale Radikalität« oder schlichte Verzweiflung in den Unternehmen mitunter auf andere, durch die Gewerkschaften oft kaum kontrollierte Weise Bahn. Und dazu zählten eben auch eine Reihe von Bossnapping-Aktionen – die durchaus Erfolge erzielten. Anfang April 2009 wurden etwa vier Manager des Baumaschinenherstellers Caterpillar im ostfranzösischen Grenoble 25 Stunden lang durch Beschäftigte eingesperrt, woraufhin die Zahl der geplanten Kündigungen von 730 auf 600 gesenkt wurde. Drei Wochen später wurden beim Automobilzulieferer Molex im südwestfranzösischen Villemur-sur-Tarn ein Manager und eine Personalchefin vorübergehend ihrer Bewegungsfreiheit beraubt. Nach 26 Stunden kamen sie frei. Die geplante Werkschließung wurde daraufhin verschoben, fand allerdings vier Monate später dennoch statt. Das Unternehmen wurde dafür 2014 vom Arbeitsgericht, das die 283 Kündigungen als rechtswidrig einstufte, zu Abfindungen verurteilt. Am 20. und 21. Januar sperrten rund 150 Beschäftigte eines Werks im zentralfranzösischen Fraisses, das Zylinder für Stahlwalzwerke herstellte, den Werksdirektor und den Personaldirektor 36 Stunden lang ein. Daraufhin wurden Abfindungssummen in Höhe von 20.000 Euro ausgehandelt.
Im Januar 2014 konstatierte das US-amerikanische Magazin Businessweek, solcherart Bossnapping sei »oft eine Verhandlungsstrategie für französische Gewerkschaften, die sich auszahlt«, und zitierte dafür zehn Beispiele. Allerdings verkannte die Zeitschrift, dass die Initiative dazu oft außerhalb der Gewerkschaften aufkam. Kurz zuvor waren, am 7. Januar jenes Jahres, zwei Führungskräfte im Autowerk von Goodyear in Amiens dreißig Stunden lang festgesetzt worden. Dieses Mal war die CGT beteiligt. Es ging auch dort um Massenkündigungen. Zur Werksschließung kam es dennoch: 1183 Lohabhängige verloren ihren Arbeitsplatz. 800 von ihnen riefen das zuständige Arbeitsgericht an, das ihnen 2020 Recht gab und ihnen Abfindungszahlungen zusprach.Die dreißig Bossnapping-Stunden bei Goodyear hatten jedoch ebenfalls ein gerichtliches Nachspiel. Dieses Mal schlug die Kriminalisierungsdrohung durch, während es diesbezüglich 2009/2010 oft bei leeren Worten blieb. Im Januar 2017 wurden acht Beschäftigte, unter ihnen fünf CGT-Mitglieder, in Amiens in zweiter Instanz verurteilt. Hatte es in erster Instanz noch eine Höchststrafe von 24 Monaten Haft, davon neun Monate ohne Bewährung gegeben, verhängte das Berufungsgericht Bewährungsstrafen – bis zu zwölf Monaten – wegen »Freiheitsberaubung« sowie einen Freispruch. Seitdem ist es, jedenfalls bislang, ruhiger um diese Aktionsform geworden.